Es war einmal ein Wohnzimmer

Es war einmal ein Wohnzimmer

Was passiert eigentlich, wenn ein Antikmöbelfreak wie ich plötzlich Mama wird? Das Wohnzimmer mutiert zum Holzbahnhof, Klötzchenzentrum und Kuschelzoo. Und das Kinderzimmer verwaist.

Es war einmal vor langer, langer Zeit ein Wohnzimmer, das ich hegte und pflegte. Im Laufe der Jahre sammelte ich kleine, aber feine Möbelstücke und Accessoires. Ich kombinierte sie, wie mir zugetragen wurde, nicht ohne Fingerspitzengefühl. Mein ganzer Stolz waren Antikstühle, die ich aufarbeiten und neu beziehen ließ. Das Wohnzimmer war im Shabby Chic gehalten, eine Mischung aus Erbstücken, Flohmarktschnäppchen und DIY-Deko. Alles mit gewollten, feinen Gebrauchsspuren. Wenn einmal ein Kind kommen sollte, dachte ich, könnte es hier herumtollen, der Shabby-Style wäre dafür wie geschaffen. Die eine oder andere Gebrauchsspur mehr würde sicherlich nicht auffallen.

Das Baby beansprucht zunächst die Wohnzimmermitte

Eines Tages war das Baby da. Um es im Blick zu haben, schob ich es in seiner Wiege hin und wieder ins Wohnzimmer, wenn ich dort zugange war. Unser Lieblingsraum mutierte vorübergehend zum Schlafzimmer, wenn das Baby schlief. Aber dann wurde der kleine Racker mobiler. Er beanspruchte in der Wohnzimmermitte einen Platz von ziemlich genau 80×80 cm, was genau der Größe einer Babydecke entsprach. Diese wurde zu Schlafenzeiten schnell zusammengefaltet, etablierte sich aber schnell als mobiler Einrichtungsgegenstand, der tagsüber seinen festen Platz in der Wohnzimmermitte fand.

Das Kinderzimmer ist nicht so spannend wie das Wohnzimmer

Als das Baby die Bauchlage entdeckte und schließlich mit den Bewegungsmöglichkeiten seiner Beine und Füße experimentierte, entdeckte ich in der einen oder anderen Ecke des Zimmers Gegenstände, die ich definitiv nicht dort abgelegt hatte. Mit ein, zwei Handgriffen war die Ordnung wieder herstellt. Doch diese hielt nicht lange an. Die Bauklotztürme wurden höher und höher, die Autorennstrecken länger und länger und die Kuscheltierversammlungen größer und größer. Wer abends etwas im Wohnzimmer vergaß und in der Dunkelheit auf ein sprechendes Feuerwehrauto trat, lief nicht nur Gefahr, zu stolpern, sondern erschrak sich darüber, dass Kinderspielzeug offenbar rund um die Uhr einsatzbereit ist. Die freundliche Bitte an das Kind, doch bitte in sein Zimmer umzuziehen, wurde erst ignoriert und dann mit lautem Geschrei quittiert. Keine Frage – das Wohnzimmer war spannender. Hierhin kam der Besuch, hier unterhielten wir uns, telefonierten oder aßen. Im Kinderzimmer dagegen: gähnende Leere. Wir erwogen kurzerhand, in das fast leere, aber vergleichsweise deutlich kleinere Kinderzimmer umzuziehen, verwarfen den Gedanken aber kurzerhand.

Der Wohnzimmerboden: Parcours mit Hindernissen

Als letzte Bastion nahm unser Sohn schließlich einen Sessel ein, der, naiv wie wir waren, mehr Dekoelement als Sitzgelegenheit darstellte. Bis heute dient er als Ablage für Kinderbücher. Jeder Versuch, den Sessel zurück zu erobern, scheiterte. Auch der Wohnzimmerboden war trotz des elterlichen Widerstands längst annektiert, und ähnelte einem Parcours mit teils schwer zu überwindenden Hindernissen. Wir hatten vergeblich versucht, die Stolpersteine auf unseren Laufwegen zu minimieren, doch das Adlerauge des Nachwuchses fand jedes noch so kleine verschobene Klötzchen und versetzte seine Eisenbahnlandschaft in den Ursprungszustand zurück.

Was ist eine Husse?

Wir kamen nicht umhin, einen tückischen Plan auszuhecken: Als das Kind friedlich schlief, räumten wir alle für Erwachsene unbrauchbaren Objekte leise und in Windeseile in eine Spielzeugkiste. Wir waren außerordentlich überrascht, dass das Wohnzimmer deutlich größer war, als wir es in Erinnerung hatten. Es kamen sogar unbekannte Gefühle auf: Es tat gut, das Wohnzimmer grundlos diagonal zu passieren. Wir machten uns einen schönen Abend in der Erwachsenenwelt. Für einen kurzen Moment erinnerten wir uns an unser früheres Wohnzimmer zurück, als wir es noch zu zweit bewohnten.

Inzwischen waren alle Kerzen, Windlichter und Glasvasen verschwunden. Kugelschreiber und Textmarker wurden vom Schreibtisch entfernt. Auf dem Büffetschrank hatten wir alle geräuschmachenden, nervigen Spielzeuge geparkt. Unter dem Sofa fand sich in der hintersten Ecke eine Lego-Familie, die sich gemeinschaftlich in Flugzeuge und Busse zurückgezogen hatte. Die Tischoberfläche war zerkratzt und die Antikstühle hatten, was für ein Glück, noch nichts abbekommen. „Wir sollten uns Hussen anschaffen“, überlegte ich laut. Am Gesichtsausdruck meines Mannes sah ich, dass „Hussen“ offenbar nicht im männlichen Sprachrepertoire verankert sind. Das Hussen-Projekt würde ich wohl allein angehen müssen. Müde und mit nostalgischen Gedanken legten wir uns schlafen.

Am nächsten Morgen kam das Kind, noch etwas schlaftrunken, ins Wohnzimmer getapst. Drei lange Sekunden brauchte der Dreikäsehoch, um die neue Situation zu verarbeiten. „Super, Mama!“, sagte er. „Jetzt haben wir Platz zum Fußball spielen!“

 

 

 

 



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