Natalie: Mama mit 37 – der Zeitpunkt war perfekt

Natalie: Mama mit 37 – der Zeitpunkt war perfekt

Nein, ich möchte nicht mit meinen Kindern in die Disco. Ich möchte auch nicht mit meiner Tochter Klamotten tauschen, wenn sie 15 ist.

Zum einen, weil ich mir wünsche, dass sie keine Größe 44/46 tragen muss, weil mich das Langzeitstillen NICHT schlank gemacht und ausgezehrt hat, sondern lediglich den Heißhunger auf Gebäck verstärkte. Zum anderen weiß ich auch nicht, ob ich mit knapp 55 Jahren in einem „Justin Bieber“-T-Shirt mit Einhorn-Glitzer-Jeans zum Elternabend gehen möchte.

Ich bin eine müde Mutter. Ich bin aktuell 40 Jahre alt und habe ein drei-fast-vierjähriges- und ein 16-Monate-altes Kind. Wenn die beiden Wonnepröppchen in die Pubertät kommen, bin ich mitten in den Wechseljahren. Mein Mann hat jetzt schon Angst vor dieser Zeit.

Mein Kinderwunsch regte sich recht spät. Spät abends, um genau zu sein. Ich war mal wieder leicht angetütert in der Kölner Kneipenszene unterwegs als meine beste Freundin den Vorschlag machte, wir könnten ja noch mal in unsere alte Lieblingsdisco aus den Studi-Zeiten gehen. „Joaa geil!“ lallte ich. Gesagt getan. Dort, wo wir mit Mitte zwanzig die Anzahlung auf mehrere Eigenheime vertrunken haben standen wir nun in der Schlange, um eingelassen zu werden. „Was wollen die denn hier?“ raunte ein Mädchen (ja, Mädchen) hinter uns. „Sind die vom Jugendamt?“

Wir guckten uns an und lachten, mussten jedoch den einen oder anderen Drink kippen, um uns weiterhin so jugendlich, cool, leger und easy zu finden, wie wir uns das noch vor zwei Stunden selbstbeweihräuchernd eingeredet hatten. Mein Kleidungsstil hatte sich etwas verändert, ja, aber direkt mit dem Jugendamt verwechselt zu werden, fuchste mich ein wenig. Die Schuhe waren schließlich teuer! Und bequem waren sie auch! Ich fühlte mich schon am Tresen steinalt, am nächsten Morgen gemessen an den Kopfschmerzen gar fossil.

„Der eine oder andere dort hätte mein Sohn sein können!“ ereiferte ich mich am Frühstückstisch. „Und wenn meine Tochter später angezogen wie ein Flittchen in die Rockdisco will, kürze ich das Taschengeld“.  „Wir werden alt und erwachsen“, lachte mein Mann. Und dann kam er plötzlich – DER Gedanke. Warum nicht selbst ein Kind bekommen? Jetzt, wo die Feierei gemäßigter wird, Kraft und Kohle da ist? Man sowieso mit dem Jugendamt verwechselt wird? „Joaa ok“ raunte mein Mann. „Jetzt gleich?“ Ich rollte mit den Augen. Typisch.

Er vergingen einige Wochen und Monate. Der Gedanke, wie es wohl wäre, wenn wir zu dritt wären gefiel mir immer besser. Ich fand mich überhaupt nicht zu alt mit knapp 35, im Gegenteil. Ich fühlte mich in dieser Thematik wie ein unbekümmertes Schulmädchen, nicht wissend, welches Abenteuer mich erwarten würde. Und so kam es, dass ich an einem weiteren Freitag-Abend rotwangig bei einem alkoholfreien Sekt in unserer Lieblingskneipe verkündete, schwanger zu sein. Ich fühlte mich total verrückt und crazy, fast wie damals. Das Übergeben am nächsten Morgen hatte allerdings andere Hintergründe als 15 Jahre zuvor.

Mittlerweile gibt es zwei Kids und ich fühle mich morgens oft so als wäre ich 130 Jahre alt. Nach drei Kaffee noch vor dem ersten Frühstück geht es rasch besser, dann fühle ich mich wie 90. Ich habe viele Mamas kennengelernt in dieser Zeit. Junge und Junggebliebene, Öko-Mamas und Plastikmütter, nervende Kreischfrauen und sanfte Engelwesen. Überzeugte Brei-Selbstkocherinnen und Gläschen-Fetischisten. Alle, egal wie alt oder jung sie Mütter geworden waren sich einig, dass sie sich in ihrer Rolle wie frischgeschlüpft fühlten und erst hineinwachsen mussten. Tag für Tag, Windel für Windel. Den einen gelang dies schneller, andere brauchten eine Weile und ein paar Tränchen mehr.

Schaue ich heute in den Spiegel sehe ich eine 40 Jahre alte Frau und Mutter. Bekleckert. Heute ausnahmsweise gekämmt. Ich habe ein paar Fältchen bekommen, weiß aber nun auch,  dass diese mit der richtigen Augencreme in den Griff zu bekommen sind. Wenn diese denn nicht von den Kindern ausgedrückt und in den Wohnzimmerteppich eingearbeitet wurde.

Ich leuchte. Anders als mit Mitte 20, aber ich leuchte.

Ich wollte es nicht anders haben. Der Zeitpunkt war perfekt. Ich habe die Jugend und Post-Jugend-Phase exzessiv und leidenschaftlich ausgelebt. Nichts verpasst. Nichts ausgelassen.  Und ich freue mich auf die Zeit, in denen ich meinen Kinder davon erzählen kann. Wahrscheinlich werden sie sich peinlich berührt wegdrehen. Wie kann eine 60-Jährige erzählen, dass sie betrunken beim Headbangen ihre FlipFlops verloren hat. „Geht gar nicht Mama!“ Das wird toll!



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